Handbuch für wertvollen Sport

Kleine und grosse Erfolgsgeschichten
Sechs Reportagen

1 – Wie Endingen zum Schweizer Handball-Dorf wurde

Seit einem halben Jahrhundert fördert Heinz Schärer im aargauischen Endingen den Handballsport.

Heinz Schärer, pensionierter Lehrer, hat mit seiner Frau eben sein gewohntes Fitnesstraining absolviert, das zweimal pro Woche zu seinem Lebensrhythmus gehört. «Wenn sich der Puls im Lauf von drei Minuten wieder um vierzig Schläge verlangsamt», sagt er, «fühle ich mich fit und zwäg.» Sport gehört seit der Jugend zu seinem Leben. Im Seminarturnverein hatte er sich unter anderem im Geräteturnen und in der Leichtathletik versucht. 1963 kam er als junger Lehrer ins kleine Dorf Endingen im Surbtal. Dort begann er, mit den Schülern «auch ein bisschen Handball zu spielen». Inzwischen ist Endingen mit seinen heute etwa 2500 Einwohnern zur eigentlichen helvetischen Handball-Hochburg geworden. Ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn würdigte die Aargauer Zeitung Schärers Pionierarbeit 2015 so: «Kinder mit sportlichen Ambitionen schickt man in Endingen nicht wie andernorts zum Fussball. Nein, man schickt sie zu Heinz Schärer ins Handballtraining. Und genau das ist das Geheimnis des Endinger Erfolgs. Im Surbtal werden nicht etwa überdurchschnittlich viele Handballtalente geboren – aber jedes einzelne wird entdeckt.»

So wurde auch das aussergewöhnliche Talent von Schärers Sohn Stefan erkannt, der später zur langjährigen Stütze und zum Captain der Schweizer Handball-Nationalmannschaft heranwuchs. «Ich war früher sein Turnlehrer und gleichzeitig auch sein Trainer», sagt Heinz Schärer. Er betont allerdings, dass die Entwicklung von Endingen zum Handball-Eldorado und der Aufstieg der ersten Mannschaft des TV Endingen 1996 in die Nationalliga A nicht allein ihm zu verdanken seien: «Es sind viele, die sich hier seit Jahren für den Handball einsetzen. Und es sind immer wieder Junge dazugekommen.» Stolz ist Schärer, dass Endingen nun erstmals über eine eigene Halle verfügt – «über ein eigentliches Sportzentrum, das endlich realisiert werden konnte», wie er schwärmt: «Die Dorfbevölkerung hat 290 000 Franken gesprochen und der Kanton hat das Projekt grosszügig unterstützt. Nun nennt man die vielfältig nutzbare Arena, die aus der früheren Gokart-Halle Go easy entstanden ist, bereits ‹das kleine Aargauer Magglingen›.»

Heinz Schärer selber, übrigens der Vater der bekannten TV-Moderatorin Monika Schärer, arbeitete im Turnverein Endingen noch mit 70 Jahren als Nachwuchstrainer. Dabei war ihm stets wichtig, nicht nur sportliche Talente aufzunehmen, zu betreuen und zu fördern, sondern auch Kinder und Jugendliche mit Schwierigkeiten. «Zum Beispiel Fabian», sagt er, «der vor Jahren als hyperaktiver Zweitklässler mit Schulproblemen zu uns in die Handballgruppe kam. Er wurde als Goalie ausgebildet. So fand er Beachtung bei seinen Mitspielern, konnte sein Selbstbewusstsein steigern und hat sich auch in der Schule verbessert. Jetzt ist er in der Lehre, weiss seine Zeit einzuteilen und ist im Klub bereits als Hilfsleiter aktiv, wo er mit viel Gespür Jüngere betreut.» Auch Marco, dem es an sozialer Kompetenz mangelte und  der deshalb bei seinen Schulkollegen dauernd aneckte, habe sich erstaunlich entwickelt. Im Team habe er gelernt, «sich einzufügen und anzupacken». Heute habe er seine früheren emotionalen Überreaktionen im Griff, sei vom Einzelgänger zum Teamplayer geworden und habe unlängst den Lehrabschluss geschafft. «Das ist für mich auch als ehemaliger Lehrer zentral», sagt Schärer: «Dass der Sport – bei uns ist es halt der Handball – allen Jungen etwas bringen kann.» Dies erfülle ihn mit Befriedigung: «Bei uns im Team lernen die Jungen, auf ein Ziel hinzuarbeiten, durchzubeissen und auch einmal zu verlieren. Und wenn sie verlieren, dann wissen sie, dass sie in der Niederlage nicht allein sind – dass sie mit der Mannschaft verloren haben. Aber auch bei einem Sieg wissen sie, dass sie nicht allein, sondern im Team gewonnen haben.»

Nach einem halben Jahrhundert als Handballförderer in Endingen hat Heinz Schärer seine ehrenamtlichen Verantwortlichkeiten an jüngere Kollegen weitergegeben – vor allem an seine ehemaligen Junioren. Erfreut stellt er fest, dass sie vieles, was ihm besonders wichtig war, beibehalten haben. «Zum Beispiel das schöne Ritual, dass alle, die ins Training kommen, uns Trainern jedesmal die Hand geben. Und dass sie sich per Handschlag wieder verabschieden. Das sind vielleicht Kleinigkeiten, die aber doch von Bedeutung sind. Der Handschlag ist die einfachste und natürlichste Art der Beziehungspflege. Als Lehrer habe ich gelernt, dass es wichtig ist, eine Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern aufzubauen. Sonst ist es unmöglich, zu unterrichten. Im Sport ist es nicht anders.»

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