Handbuch für wertvollen Sport

Kleine und grosse Erfolgsgeschichten
6 – Heikles Neuland – auch für eine Orientierungsläuferin

Judith Schmid befasst sich im Schweizer OL-Verband seit Jahren mit der Thematik «Keine sexuellen Übergriffe im Sport».

«Sexuelle Übergriffe im Sport? Ja, das kommt wohl vor – aber doch nicht bei uns!» So reagierte man in etlichen Sportverbänden, als Swiss Olympic zusammen mit dem Bundesamt für Sport 2004 diese heikle Problematik gezielt zu thematisieren begann: mit der Kampagne «Keine sexuellen Übergriffe im Sport». Für Judith Schmid, ehemalige Arztgehilfin, kaufmännische Angestellte und passionierte Orientierungsläuferin, war aber klar, dass kein Sportverband und kein Sportverein sicher sein kann, nicht auch einmal damit konfrontiert zu werden. So war es auch für Swiss Orienteering, den Schweizer OL-Verband, eine Verpflichtung, das Thema aufzugreifen. Es entstand – in Zusammenarbeit mit ihrer Davoser OL-Kollegin und Schulpsychologin Ursula Wolf sowie vier weiteren Personen – ein OL-spezifisches Konzept mit einer Charta und verschiedenen Merkblättern. Seither wird die heikle Problematik in OL-Kreisen bewusster wahrgenommen. Aus dem Konzept wird nun ein Leitfaden. Er soll nicht nur präventiv wirken, sondern auch klar festlegen, was in konkreten Fällen sexueller Übergriffe zu unternehmen ist. In einem solchen Fall hat sich das Konzept inzwischen bereits als sehr hilfreich erwiesen.

Dass ihre Arbeit auch bei Swiss Olympic auf Anerkennung stösst, erfüllt Judith Schmid «mit einem gewissen Stolz», wie sie sagt. Befriedigend sei für sie vor allem die Zusammenarbeit im Team – und die Einsicht im Verband, dass man  sich auch diesem eigentlich unliebsamen Nebenthema des gewohnten Sportbetriebs, das lange tabu gewesen sei, nicht verschliessen dürfe. Auf die Frage nach ihrer Motivation für ihr langjähriges Engagement hat sie eine simple Antwort: «Ich liebe den OL-Sport und bin mit Leib und Seele dabei. Und wenn ich da in einem kleinen Bereich etwas für diesen Sport tun kann, mache ich  das gern.»

Judith Schmid ist seit bald drei Jahrzehnten eine begeisterte Orientierungsläuferin. «Der Reiz des Orientierungslaufens hat bei mir nie nachgelassen», sagt sie. «Ich bin aber wählerischer geworden, bevorzuge Läufe in voralpinem oder alpinem Gelände und reise nicht mehr unbedingt durch die halbe Schweiz, um einen Wettkampf zu bestreiten.» Ihre Resultate seien dabei unbedeutend, das Erlebnis stehe im Vordergrund. Jeder Lauf sei wieder eine neue Herausforderung. So, wie es eben auch eine ständige Herausforderung sei, die «OL-Familie» für die Problematik möglicher sexueller Übergriffe zu sensibilisieren. Diese ehrenamtliche Arbeit für ihren Sport sei auch immer wieder so etwas wie das Erkunden von Neuland. Doch das ist für eine Orientierungsläuferin ja nicht ganz ungewohnt.

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